Seepegel
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Wasserarchiv · geschichte

Pfahlbauten, La Tène und das Gedächtnis der Seen

Schweizer Seen und Moore bewahren ein aussergewöhnliches archäologisches Archiv. Sauerstoffarme, nasse Böden können organisches Material erhalten, das an Land längst vergangen wäre. Genauigkeit ist dabei wichtig: Ufersiedlungen reichen vom Neolithikum bis in die Bronzezeit; La Tène gehört in eine spätere eisenzeitliche Welt.

4 Minuten Lesezeit

5 Kapitel

7 Originalquellen

01

Die Ufersiedlungen waren keine schwimmenden Dörfer

Viele prähistorische Häuser standen auf feuchtem Ufergrund oder in flachen Randzonen. Holzpfähle trugen Böden und Konstruktionen, doch die Siedlungslage änderte sich mit dem See. Längerfristige Niedrigwasserphasen begünstigten die Nutzung bestimmter Uferflächen; steigende Pegel führten zur Aufgabe oder Überlagerung.

Die UNESCO-Welterbestätte «Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen» umfasst 111 Fundstellen in sechs Ländern, davon 56 in der Schweiz. Viele liegen unsichtbar unter Wasser oder Sediment. Gerade diese Unsichtbarkeit schützt sie – solange Erosion, Bauarbeiten und Plünderung ausbleiben.

02

La Tène: Ein Fundort gibt einer Epoche den Namen

La Tène liegt am Neuenburgersee und wurde zum Namensgeber der jüngeren Eisenzeit in weiten Teilen Europas. Waffen, Werkzeuge, Schmuck und organische Reste machten den Fundplatz international bedeutend. «La-Tène-Kultur» ist ein archäologischer Begriff; er darf nicht jede frühere Ufersiedlung rückwirkend zu einer keltischen Siedlung erklären.

Die Lage am Übergang zwischen See und Flussraum ist Teil der Forschungsfragen. Deutungen des Fundplatzes entwickelten sich mit neuen Grabungen und Methoden weiter. Seriöse Darstellung trennt sichere Befunde – Ort, Material, Datierung – von diskutierten Funktionen und Opferinterpretationen.

03

Ein Baumkalender statt einer groben Jahreszahl

Die oft erstaunlich genaue Datierung von Pfahlbauhölzern beruht nicht darauf, die Ringe eines Pfahls einfach zu zählen. Entscheidend ist das Muster unterschiedlich breiter Jahrringe. Bäume derselben Art und Region reagieren auf ähnliche Wachstumsbedingungen, sodass sich ihre Ringfolgen vergleichen lassen. Das Zürcher Labor für Dendroarchäologie ordnet gemessene Folgen längeren Vergleichskurven zu, die aus vielen überlappenden Holzserien zusammengesetzt wurden. Ist auch der letzte Ring unmittelbar unter der Rinde erhalten, lässt sich das Fälljahr bestimmen. Fehlt dieser äusserste Bereich, bleibt eine wichtige Information unvollständig. Deshalb sind ein datierter Jahrring und ein sicher bestimmtes Fälldatum nicht dasselbe. Die Aussagekraft entsteht aus dem erhaltenen Holz und dem überprüfbaren Vergleich, nicht aus einer besonders exakt klingenden Zahl.

Was diese Methode zusammen mit der Grabungsdokumentation leisten kann, zeigen die Untersuchungen am Zürcher Sechseläutenplatz. Bei der Fundstelle Parkhaus Opéra konnten acht nacheinander bestehende steinzeitliche Dörfer zwischen 3200 und 2700 vor Christus unterschieden werden. Die Auswertung der benachbarten Mozartstrasse ergänzte das Bild weiterer Siedlungsphasen. Viele dieser Siedlungen bestanden nur zehn bis zwanzig Jahre und wurden anschliessend in der Umgebung neu errichtet. Hinter einem heutigen Pfahlfeld kann somit eine Abfolge von Dörfern stecken, nicht ein einziger dicht bebauter Ort. Auch die damaligen Uferverhältnisse werden erst durch das Zusammenspiel von Schichten, Bauhölzern und Geländeformen verständlich. Eine heutige Wasserlinie reicht nicht aus, um die Lage eines prähistorischen Hauses zu erklären.

04

Was Samen und Werkzeuge über den Alltag verraten

Der Alltag am See bestand nicht nur aus Fischfang. Erhaltene Pflanzenreste machen sichtbar, welche Feldfrüchte angebaut und welche Wildpflanzen gesammelt wurden. Die Zürcher Kantonsarchäologie nennt unter den Kulturpflanzen der frühen Seeufersiedlungen verschiedene Weizenarten, Gerste, Lein, Mohn und Erbsen. Spätere Funde zeigen Veränderungen dieses Spektrums. Solche Reste sind deshalb mehr als eine historische Speisekarte: Gemeinsam mit Begleitpflanzen geben sie Hinweise auf Anbau und Nutzung der Landschaft. Sie erlauben aber nicht, aus einem einzelnen Samen den täglichen Speiseplan sämtlicher Bewohner abzuleiten. Fundort, Schicht und die übrigen Überreste gehören zur Interpretation. Gerade unscheinbare Körner können so Fragen beantworten, für die ein vollständiges Gefäss oder ein schön erhaltenes Beil allein nicht genügt.

Werkzeuge wiederum erzählen von handwerklichem Können und Beziehungen über das Seeufer hinaus. In der Zürcher Opéra-Grabung wurden etwa Feuersteine nachgewiesen, deren Herkunft von der nahen Lägern bis nach Frankreich und Italien reicht. Dazu kamen empfindliche Stücke wie ein Fischernetz und Kleidungsstücke aus Lindenbast. Die Materialuntersuchung belegt damit Kontakte und verwendete Rohstoffe; sie zeichnet nicht automatisch die genaue Reiseroute eines bestimmten Menschen nach. Für Besucher eines Museums liegt darin ein besonders spannender Unterschied: Ein Objekt kann sehr konkrete technische Informationen liefern, während sein Weg an den Fundort teilweise offenbleibt. Diese sorgfältige Trennung macht Archäologie interessant. Sie ersetzt die Vorstellung eines isolierten Pfahlbaudorfs durch eine vielfältige, aber nur aus erhaltenen Spuren rekonstruierbare Welt.

05

Warum Wasser Geschichte konserviert

Dauerhaft nasses, sauerstoffarmes Sediment bremst den Zerfall von Holz, Textilien oder Pflanzenresten. Jahresringe erlauben mitunter eine erstaunlich genaue Datierung von Bauholz. Gleichzeitig kann Wellenschlag schützende Schichten abtragen und Fundstellen rasch gefährden.

Die Schweiz ratifizierte 2020 das UNESCO-Übereinkommen zum Schutz des Unterwasser-Kulturerbes. Funde sollen nicht privat geborgen oder gehandelt, sondern den zuständigen archäologischen Fachstellen gemeldet werden. Ein tiefer Seepegel ist daher kein Aufruf zum Sammeln.

Aktuelle Daten

Geschichte trifft Gegenwart

Diese Seiten zeigen den heutigen Messwert mit Zeitpunkt, Verlauf und Datenquelle.

Quellen & Vertiefung

Nachvollziehbar statt ausgeschmückt

Historische Zahlen und fachliche Aussagen stammen aus den folgenden amtlichen oder institutionellen Originalquellen. Abruf und redaktionelle Prüfung: 11. September 2026.