Seepegel
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Wasserarchiv · geschichte

Seen, die verschwanden – und Flüsse, die umzogen

Wo heute Felder, Moore oder Siedlungen liegen, kann früher offenes Wasser gewesen sein. Umgekehrt entstehen durch Bergstürze, Gletscherrückzug und Stauanlagen neue Seen. «Natürlich» bedeutet deshalb nicht «unverändert».

4 Minuten Lesezeit

6 Kapitel

7 Originalquellen

01

Vom grossen Jurarandsee zu drei Seen

Nach der Eiszeit bestand zwischen Orbe und Solothurn eine viel grössere zusammenhängende Wasserfläche. Ablagerungen und Landschaftsentwicklung trennten sie langfristig in Neuenburger-, Murten- und Bielersee. Die heutigen Kanäle verbinden diese Becken erneut technisch und hydrologisch.

Im 19. und 20. Jahrhundert senkten die Juragewässerkorrektionen die mittleren Wasserstände und reduzierten Überschwemmungen. Dadurch wurde Land nutzbar, zugleich verloren Auen und Moore Fläche. Die Geschichte ist daher sowohl Hochwasserschutz- als auch Landschaftsgeschichte.

02

Der Tuggenersee wird zu Land

Zwischen Walensee und Zürichsee lag einst der Tuggenersee. Linth und Seitenbäche transportierten Sedimente, die das flache Becken allmählich auffüllten. Spätere Entwässerung und Linthkorrektion prägten die heutige Linthebene.

Das Beispiel zeigt den Unterschied zwischen einem plötzlichen Ereignis und langsamem Verschwinden. Ein See kann über viele Generationen verlanden, während Karten, Ortsnamen und nasse Böden seine frühere Lage noch lange verraten.

03

Flüsse wechseln ihren Weg

Flüsse lagern Kies ab, schneiden neue Rinnen und verlassen alte Arme. Menschen beschleunigten oder stoppten diese Bewegung durch Dämme, Kanäle und Begradigungen. Der Escherkanal führt die Linth heute in den Walensee; der Linthkanal leitet das Wasser weiter zum Obersee. Das reduzierte Versumpfung und Hochwasserrisiko, verlagerte aber auch Sedimente und Lebensräume.

Historische Karten sind Momentaufnahmen. Wer «damals und heute» vergleicht, muss Kartenmassstab, Vermessungsgenauigkeit und Jahreszeit beachten. Eine alte blaue Fläche kann ein dauerhaftes Gewässer, ein Überschwemmungsgebiet oder kartografisch vereinfachtes Sumpfland darstellen.

04

Eine eigene Zeitreise am Ufer beginnen

Wer eine frühere Wasserlandschaft nachvollziehen möchte, kann mit der Zeitreise von swisstopo am heutigen Wohnort beginnen. Historische Karten reichen dort bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück; Luftbilder ergänzen den Blick für jüngere Zeiträume. Besonders aufschlussreich ist nicht nur die blaue Seefläche. Auch die Lage von Wegen, Kanälen, Brücken und Siedlungen hilft, Veränderungen räumlich einzuordnen. Als Ausgangspunkt eignet sich eine auffällige Stelle: eine gerade Flussstrecke, eine breite Ebene hinter dem heutigen Ufer oder ein alter Seitenarm. Durch den Wechsel zwischen mehreren Zeitständen wird daraus eine überprüfbare Frage: Was ist tatsächlich verschwunden, was wurde verlegt, und was wurde lediglich anders dargestellt?

Für einen genaueren Vergleich lohnt sich die Landeskarte im Massstab 1:25'000, deren Zeitreise ab 1952 verfügbar ist. swisstopo zeigt für ein gewähltes Jahr die damals aktuellste verfügbare Kombination von Kartenblättern, nicht eine einzige schweizweite Momentaufnahme. Über die zusätzliche Blatteinteilung lässt sich prüfen, aus welchem Jahr die verwendeten Luftaufnahmen stammen und wann Einzelnachträge erfolgten. Das verhindert einen häufigen Irrtum: Ein Sprung zwischen zwei Kartenjahren datiert einen Umbau nicht automatisch auf genau dieses Jahr. Erst zusammen mit weiteren Aufnahmen oder Projektdokumenten wird die zeitliche Einordnung belastbarer. Wer eine ehemalige Uferlinie erkundet, sollte deshalb Quelle und Datenstand mitnotieren, statt die Bildschirmdarstellung wie eine historische Vermessung desselben Tages zu behandeln.

05

Neue Seen entstehen weiterhin

Der Bergsturz von Derborence schuf im 18. Jahrhundert einen neuen See. Heute entstehen zusätzlich Gletscherseen, wo Eis zurückweicht. Manche bleiben klein oder entleeren sich wieder; andere entwickeln sich zu dauerhaften Landschaftselementen und neuen Naturgefahren. Die Schweizer Seenkarte bleibt also auch in unserer Zeit in Bewegung.

06

In den Alpen entstehen gleichzeitig neue Seen

Das Verschwinden von Wasserflächen ist nur eine Seite des Landschaftswandels. Mit dem Rückzug der Gletscher werden Becken frei, in denen sich Wasser sammeln kann. Ein von der Eawag vorgestelltes Inventar erfasste knapp 1200 Seen, die seit dem Ende der Kleinen Eiszeit um 1850 in ehemals vergletscherten Gebieten der Schweizer Alpen entstanden waren. Die Untersuchung verglich sieben Zeitstände bis 2016. Diese Jahreszahl ist wichtig: Die Angabe beschreibt eine historische Bestandsaufnahme und ist kein laufender Zähler aller heute vorhandenen Bergseen. Für die erfassten Gewässer wurden unter anderem Lage, Fläche, Abfluss und die Beschaffenheit ihres Abschlusses dokumentiert. Dadurch lässt sich Entwicklung untersuchen, statt neue blaue Flecken nur zu zählen.

Ob ein solches Gewässer dauerhaft bleibt, hängt auch von der Form des freigelegten Untergrunds und seinem Abfluss ab. An ausgewählten neuen Seen in Uri und im Wallis misst die Eawag deshalb auch Temperatur, Trübung, Seespiegel und Volumenänderungen. Solche Beobachtungen zeigen Veränderungen, die auf einem einzelnen Foto nicht erkennbar sind. Ein neu entstandener See ist weder automatisch ein zukünftiger Badesee noch allein wegen seiner Entstehung eine unmittelbar drohende Gefahr. Für eine Beurteilung sind die örtlichen Verhältnisse entscheidend. Wissenschaftliche Inventare und Messprogramme schaffen eine Grundlage für weiterführende Untersuchungen, nicht schon deren Ergebnis. Im Vergleich mit alten Karten wird so sichtbar, dass Gewässerlandschaften an verschiedenen Orten gleichzeitig wachsen, schrumpfen und ihre Verbindungen zum umliegenden Wasser ändern können.

Aktuelle Daten

Geschichte trifft Gegenwart

Diese Seiten zeigen den heutigen Messwert mit Zeitpunkt, Verlauf und Datenquelle.

Quellen & Vertiefung

Nachvollziehbar statt ausgeschmückt

Historische Zahlen und fachliche Aussagen stammen aus den folgenden amtlichen oder institutionellen Originalquellen. Abruf und redaktionelle Prüfung: 11. September 2026.